Die Nachbarländer Estland und Lettland beherbergen entlang der Nord-Süd-Achse drei völlig unterschiedliche Wunderländer für naturverbundene Menschen: den Lahemaa-Nationalpark und den Soomaa-Nationalpark in Estland sowie den Gauja-Nationalpark in Lettland. Alle sind gesegnet mit urtümlicher und authentischer Natur, jeder auf seine eigene Weise.
Die Juwelen des Lahemaa-Nationalparks sind neben den klaren Luft und den moosbewachsenen Wäldern prächtige Herrenhäuser, atmosphärische Fischerdörfer und ein einzigartiger U-Boot-Hafen.
Der größte Stolz des Soomaa-Nationalparks sind die Moore, artenreichen Auenwälder und Feuchtwiesen sowie die einzigartigen großflächigen Überschwemmungen.
Der Wert des größten lettischen Nationalparks, Gauja, liegt in der abwechslungsreichen Landschaft, biologisch vielfältigen Wäldern und malerischen Ausblicken auf Sandsteinfelsen und Klippen.
Im Wechsel der Jahreszeiten kann man in den Nationalparks außergewöhnliche Ausblicke vom Land, vom Wasser und aus der Luft genießen. Die Besucher haben einfachen Zugang zu unzähligen Wanderwegen, sei es zu Fuß, mit dem Fahrrad, zu Pferd oder mit Wasserfahrzeugen. Es gibt Erholungsmöglichkeiten für jeden Geschmack. Auch die lokale Kultur und Traditionen bieten Erlebnisse und Entdeckungen.
Lahemaa-Nationalpark – Viru-Moor, Hara-U-Boote, Herrenhäuser und Kapitänsdorf
Bei der Ankunft in Estland ist es eine gute Idee, zunächst das Juwel Nordestlands, den Lahemaa-Nationalpark, zu erkunden. Lahemaa gewinnt die Herzen mit üppigen Wäldern, schönen Stränden und der für die Region charakteristischen Architektur der Fischerdörfer. Der Nationalpark wird von mehreren gut markierten Fernwanderwegen durchzogen, wie dem RMK Oandu-Ikla Wanderweg und dem Metsa Wanderweg, die Teil des internationalen E11 Wanderweges sind. Auf dem ersten kann man in den entlang des Weges liegenden Lagerfeuerplätzen übernachten, während man auf dem zweiten am Ende der Tageswanderung eine lokale Unterkunft findet.
In Lahemaa gibt es mehrere Orte, an denen man ein Zelt aufstellen oder in einer Laavu übernachten darf: Mustoja, Kalmeoja und Nõmmeveski sind einige davon. Der Campingplatz ist mit einem vorbereiteten Lagerfeuerplatz, Grill, Tischen, Feuerholz und einer Trockentoilette ausgestattet. All dies kann sorgsam kostenlos genutzt werden. Man muss nur beachten, dass das Jedermannsrecht gilt – jeder hat das gleiche Recht, dort zu verweilen und zu übernachten.
Für eine kürzere Wanderung eignet sich der Wanderweg im Viru-Moor perfekt, der nur eine halbe Stunde Autofahrt von der Hauptstadt Tallinn entfernt ist. Allein diese Moorwanderung ist es wert, die Reise nach Lahemaa anzutreten. Der erste Teil des Moores und der Aussichtsturm sind auch mit Rollstuhl und Kinderwagen zugänglich. Insgesamt hat der Weg eine Länge von sechs Kilometern, und man sollte sich ein paar Stunden Zeit nehmen, um den einfachen Weg zu bewältigen.
Doch Lahemaa ist nicht nur ein Naturpark. Hier bieten mehrere gut erhaltene Herrenhauskomplexe einen Augenschmaus. Man kommt nicht um das Palmse-Herrenhaus herum, das erstmals im Mittelalter erwähnt wurde, als der dänische König das Land dem St. Michael Nonnenkloster in Tallinn schenkte. Nonnen wurden in Palmse jedoch nie gesehen, das prächtige Herrenhaus war über Jahrhunderte hinweg im Besitz der Gutsherren. Heute befindet sich hier ein Freilichtmuseum, wo Besucher durch den Herrenhausgarten und das Palmse-Haus spazieren und einen Eindruck vom luxuriösen Lebensstil des Adels gewinnen können.
Eine einzigartige Sehenswürdigkeit im gesamten Baltikum befindet sich in Lahemaa, in der Hara-Bucht, wo die sowjetische Grenzpolizei einen Militärhafen mit einem U-Boot-Basis errichtete.
Wenn man genug von dem militärischen Erbe hat, kann man von dem Hafen aus zu einem Erlebnisausflug in die Militärsiedlung, zur Hara-Insel und in die Wälder und Küstendörfer der Juminda-Halbinsel aufbrechen.
Wer jedoch vom militärischen Erbe unberührt bleibt, findet in greifbarer Nähe den Majakivi-Wanderweg, wo sich ein riesiger, drittgrößter Findling Estlands befindet. Auf den 41 Meter Umfang des Steins kann man über eine Leiter klettern, um die umliegenden Kiefern von der Höhe der Baumkronen zu bewundern, und warum nicht dort ein paar Yoga-Übungen machen, ein Wanderjournal schreiben oder ein Picknick veranstalten. Ähnliche „Riesen“ gibt es in Estland etwa tausend, aber nur bei wenigen kann man über eine Leiter hinaufklettern. Einer davon befindet sich im legendären Kapitänsdorf Käsmu direkt am Wasser.
Käsmu unterscheidet sich von anderen Küstendörfern durch prächtigere Wohnhäuser. Hier wurden einst Seeleute ausgebildet, und viele von ihnen erreichten den Rang eines Kapitäns. Das bedeutete natürlich ein höheres Einkommen, was sich auch in der Pracht der Häuser widerspiegelte. Heute verbringt die Elite der estnischen Kulturschaffenden ihre Sommer in Käsmu. Das maritime Museum im Herzen von Käsmu ist wie der Punkt auf dem „i“ bei der Entdeckungsreise durch Lahemaa.
Soomaa-Nationalpark – die fünfte Jahreszeit, 10.000 Jahre alte Moore und Haabjas
Der 1993 gegründete Soomaa-Nationalpark in Zentralestland wird von riesigen Moorflächen geprägt, zwischen denen sich gewundene, flachbettige Flüsse schlängeln, die geradezu für Wasserwanderungen geschaffen sind. Die Moor- und Waldwanderwege sind ein Traumziel für alle, die die wenig vom Menschen beeinflusste reine Natur erleben möchten. Die Umgebung wirkt hypnotisierend, und beim Bewegen in dieser Gegend verliert man schnell das Zeitgefühl und die Eile.
Die Soomaa-Region entstand vor etwa 10.000 Jahren beim Rückzug des Inlandeises, als sich der Grund eines Gletschersees bildete, in dem sich Ablagerungen ansammelten, die kein Wasser durchlassen. Mit dem Rückzug des Eises und des Sees blieben flache, sumpfige Gebiete zurück, die sich im Laufe der Zeit in Moore verwandelt haben. In der Sowjetzeit wollte die Regierung die Moore in Ackerland umwandeln und errichtete an mehreren Stellen Entwässerungssysteme, die der heutige estnische Staat wieder in Moore zurückverwandeln möchte.
Seinen Namen erhielt Soomaa vor über 100 Jahren von dem Geografieprofessor Johannes Gabriel Granö, der die Region erstmals unter diesem Namen erwähnte. Es gibt fünf größere Moore in Soomaa. Das größte von ihnen, das Kuresoo-Moor, ist gleichzeitig das größte Moor-Massiv in Estland. Man kann es auf einem mehrkilometerlangen Fußweg auf dem Ingatsi-Lehrpfad bewundern, wo sich von einem Aussichtsturm aus ein faszinierender Blick über das Moor eröffnet. Um zum Moor zu gelangen, muss man auch eine Treppe hinaufsteigen, da das Moor im Laufe der Jahrtausende über zehn Meter höher gestiegen ist, der Wald jedoch nicht. Das Ansteigen des Moores setzt sich mit einem Millimeter pro Jahr fort.
Zwischen den Wanderwegen in Soomaa kann man mit dem Auto oder Fahrrad fahren, da an vielen Stellen der Weg des Fußgängers von einem Fluss unterbrochen wird. Es lohnt sich auf jeden Fall, einen Picknickkorb und ein Handtuch mitzunehmen, um das Vergnügen des Schwimmens in den Moorseen zu genießen. Moorbäder kann man neben dem Ingatsi-Pfad auch auf den Wanderwegen Riisa und Hüpassaare genießen.
Soomaa ist einer dieser Orte, die viel mehr sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Das größte Merkmal und Magnet dieser Gegend sind die Überschwemmungen, die die Einheimischen die fünfte Jahreszeit nennen. Hochwasser wird durch eine große Menge Niederschlag oder das Schmelzen von Schnee in kurzer Zeit verursacht, weshalb das Wasser nicht in die Betten der flachen Flüsse passt und die gesamte umliegende Landschaft überflutet. In manchen Jahren ist das Hochwasser um fast einen Meter pro Tag gestiegen und das über drei bis vier Tage hinweg.
An vielen Stellen sieht man die Spuren der Rekordjahre der Überschwemmungen. Wenn man auf trockenem Boden steht, scheint es unvorstellbar, dass das Wasser gleichzeitig bis zur Brust stehen und auch die Geländer unter Wasser gedrückt werden können. So wie die Menschen haben sich auch die hier lebenden Pflanzen-, Tier- und Vogelarten an die temporäre Wasserfülle angepasst.
Die größten „Wasserfluten“ erreichen Soomaa im März-April, aber bei starken Regenfällen können sie zu jeder Jahreszeit auftreten. Eines ist sicher, jede fünfte Jahreszeit hat ihr eigenes Gesicht. Dann verwandelt sich das gesamte Soomaa in ein großes Wasserfeld und lässt auch die niedrigeren Straßen nicht unberührt. Einige wenige Soomaa-Bewohner müssen dann ihre Geschäfte mit Wasserfahrzeugen erledigen. Im Gegensatz dazu haben Interessierte die Möglichkeit, mit einem Kanu, Kajak, Boot oder SUP-Board zu fahren, als wären sie im echten Amazonas – in Wäldern, auf Feuchtwiesen und in Flussauen. Dieses Naturwunder hat Soomaa weltweit Ruhm eingebracht und zieht immer mehr Touristen aus der Nähe und Ferne an.
Durch den Nationalpark fließen drei flachbettige Flüsse – Lemmjõgi, Halliste und Raudna. Eine beliebte Fortbewegungsart ist hier das Kanufahren, auch wenn das Hochwasser zurückgeht. Früher wurden hier einbaumartige Boote, die Haabjas, hergestellt und gefahren, die zu einem der Symbole des Naturschutzgebiets geworden sind. In Soomaa wurde das Boot aus Weidenholz gefertigt und war während der Überschwemmungen das einzige Fortbewegungsmittel. Natürlich wurde die Haabjas das ganze Jahr über genutzt, um zum Einkaufen, zur Schule oder zur Molkerei zu fahren. Im Jahr 2021 wurde die Haabjas in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.
In Soomaa fühlen sich die Biber wohl, deren Aktivitäten man auf dem märchenhaften Lemmjõe-Wanderweg und dem Biberweg in Tõramaa beobachten kann. Letzterer beginnt am Besucherzentrum des Soomaa-Nationalparks, wo man detailliertere Informationen über die Wanderwege, die lokale Natur und Sehenswürdigkeiten sowie Möglichkeiten zum Waschen und Zelten findet.
Gauja-Nationalpark – wunderbare Natur und unvergessliche Siedlungen
Der größte lettische Nationalpark, Gauja, ist bekannt für seine Urwälder, Sandsteinfelsen und biologische Vielfalt. Im Nationalpark reiht sich ein Naturwunder an das andere, dazwischen fast 500 Kultur- und Geschichtsdenkmäler: Herrenhäuser und Schlösser, Festungen und Burgen, Mühlen und Kirchen, herausragend schöne Architektur und Museen.
Der Nationalpark wurde 1973 gegründet und erhielt seinen Namen nach dem Gauja-Fluss, über dem man mit etwas Glück Eisvögel fliegen sehen kann. Die Region ist ein idealer Ort für die Freizeitgestaltung, sei es beim Wandern zu Fuß, mit dem Fahrrad oder im Kanu.
Wenn Sie die Region besuchen, seien Sie bereit, der urtümlichen Natur zu begegnen, sich von der hektischen Stadt zu entspannen und sich bei einer Naturwanderung herauszufordern.
Der Nationalpark erstreckt sich von Sigulda bis Valmiera, und zwischen ihnen liegen die Ordensburg Cesis und das einst von der Papierindustrie lebende Ligatne, wo die Geschichte schön bewahrt ist und man beim Herumgehen das Gefühl hat, als wäre die gesamte Siedlung ein großes Museum.
An der Südwestseite des Nationalparks in Sigulda kann man mit der Seilbahn fahren und auf einer Bobbahn, von denen es weltweit nur 18 gibt. Dank der umgebenden Wälder hat Sigulda über Jahrhunderte hinweg Ruhm für seine reine Luft und Erholungsmöglichkeiten erlangt. Vor Ort erfahren Sie, was die Siguldaner mit ihren Spazierstöcken zu tun haben. Man sieht sie sowohl auf den Stadtstraßen als auch in den Souvenirläden. Wenn Sie noch Energie haben, erklimmen Sie den Turm der Turaida-Burg (besonders empfehlenswert im Herbst!) und spazieren Sie zum Grab der Turaida-Rose, über das die lokale Legende eine sehr traurige Geschichte erzählt.
Ein Markenzeichen des Gauja-Nationalparks sind die unterschiedlich gefärbten und etwa 350 Millionen Jahre alten Sandsteinfelsen. In ihnen gibt es sowohl Höhlen als auch interessante Gesteinsformationen. Die bekanntesten Felsen sind die 22 Meter hohe Erglu-Klippe, von deren Kante sich ein mächtiger Blick ins Gauja-Tal eröffnet, und die etwa einen halben Kilometer lange Sietiniezise-Klippe, die übersetzt „Siebfels“ bedeutet. Höhlen und Säulen, Nischen und Bögen – hier gibt es an jeder Ecke Bewundernswertes. Außerdem hat diese Wand eine graue Farbe, die selten ist. Für Erholung findet man in der Nähe sowohl einen Picknickplatz als auch einen Schwimmplatz. Stellen Sie einfach Ihr Zelt auf und genießen Sie die Stille und den Frieden, so viel Ihr Herz begehrt.
In den teilweise sehr alten Wäldern können Sie sich wie in einem Märchen fühlen, wo zwischen moosbedeckten Bäumen und Farnen Waldfeen leben. Tatsächlich nehmen die Wälder fast die Hälfte des Nationalparks ein. 33 Seen und fast hundert Kilometer des Gauja-Flusses ermöglichen es, neben den Wanderungen auch Wasserwanderungen zu unternehmen.
Bevor Sie die Tour im Gauja-Nationalpark beenden, nehmen Sie sich Zeit für eine Atempause in der Valmiermuiža-Brauerei, die in einem alten Herrenhaus eingerichtet ist und viel mehr ist als nur ein Ort zum Probieren von Hopfengetränken. Hier finden Sie handwerkliche Produkte von lokalen Meistern und allerlei Köstlichkeiten, und die Luft ist dick von Geschichte.
Wer jedoch Sauna und Wasseranwendungen schätzt, sollte sich auf den Weg zum harmonisch in der Natur versteckten Ziedlejas-Wellness-Spa machen, wo spezielle Rituale sowohl Körper als auch Geist reinigen.